Oktober 2026 · 7 Minuten Lesezeit
Interessenkonflikte: Die stille Steuer auf jede Entscheidung
Interessenkonflikte sind keine Ausnahme, sie sind der Normalfall. Wer sie nicht systematisch eliminiert, kauft Ratschläge, die dem Ratgeber nützen.
Es gibt einen Satz, den ich in über zwanzig Jahren noch nie in einem Beratungsangebot gelesen habe: „Diese Empfehlung ist auch für uns finanziell vorteilhaft.“ Dabei wäre er erstaunlich oft wahr. Interessenkonflikte sind in der Beratungsbranche kein Skandal, der gelegentlich auffliegt. Sie sind das Geschäftsmodell.
Man muss sie beim Namen nennen. Es gibt fünf Typen, und sie kommen nicht gelegentlich vor — sie kommen systemisch vor, in praktisch jedem Mandat.
Der erste Typ ist der ökonomische Konflikt: Der Berater verdient mehr, wenn das Projekt länger dauert, größer wird oder eine Folgebeauftragung erzeugt. Eine Empfehlung, die das Problem schnell und endgültig löst, ist für ihn ein schlechtes Geschäft. Also wird die Lösung so geschnitten, dass sie Nacharbeit braucht. Nicht aus Bosheit — aus Anreizlogik.
Der zweite Typ ist der Verkaufskonflikt: Viele Beratungen verdienen an der Umsetzung, an Software, an Outsourcing, an laufenden Retainern. Die „unabhängige Analyse“ am Anfang ist dann kein Urteil, sondern eine Verkaufsbroschüre für das, was danach kommt. Die Diagnose wird so formuliert, dass die eigene Therapie die einzig logische ist.
Der dritte Typ ist der Karriere-Konflikt im eigenen Haus: Der Manager, der berät oder beraten lässt, denkt an seine nächste Beförderung, seinen Bonus, seinen Ruf im Aufsichtsrat. Eine ehrliche Analyse könnte zeigen, dass seine eigene Entscheidung von vor zwei Jahren der Fehler war. Also wird die Analyse so gesteuert, dass sie das nicht zeigt. Das ist der am wenigsten besprochene und am häufigsten wirksame Konflikt überhaupt.
Der vierte Typ ist der Beziehungskonflikt: Der Berater will dem CEO gefallen, weil der CEO ihn beauftragt. Also sagt er, was der CEO hören will. Die Branche nennt das „Kundenorientierung“. In Wahrheit ist es gekaufte Zustimmung — und sie ist wertlos, genau dann, wenn es wehtut.
Der fünfte Typ ist der Konformitätskonflikt: Wer immer das empfiehlt, was alle empfehlen, kann nie allein dafür verantwortlich gemacht werden, wenn es schiefgeht. „Wir haben die gleiche Beratung genommen wie alle anderen“ ist keine Strategie, sondern eine Versicherung für das eigene Fortkommen. Die Entscheidung wird nicht danach beurteilt, ob sie richtig ist, sondern danach, ob sie verteidigbar aussieht.
Wie gefährlich sind diese Konflikte? Sehr. Nicht weil jeder Berater lügt, sondern weil Anreize leise wirken. Niemand muss eine falsche Empfehlung aussprechen. Es reicht, die unbequeme Option gar nicht erst auf die Folie zu setzen. Die Entscheidung wird dann „frei“ getroffen — aus einem Menü, das bereits manipuliert war.
Deshalb ist meine Position nicht, Interessenkonflikte zu „managen“ oder zu „deklarieren“. Deklarierte Konflikte bleiben Konflikte. Meine Position ist, sie zu eliminieren: eine Fixfee, die nicht wächst, wenn das Problem wächst. Keine Umsetzung, keine Software, kein Folgegeschäft. Keine Provision von Dritten. Kein Erfolgshonorar, das mein Urteil an einen Ausgang bindet. Ich verdiene gleich viel, egal was Sie entscheiden. Genau das macht mein Urteil brauchbar — und genau das können die meisten Berater nicht anbieten, weil ihr Geschäftsmodell dagegen spricht.